Einmal über den Tellerrand und zurück.

von Ronja Fichtner

Das Jugendorchester der Evangelischen Musikschule Wismar e. V. reiste vom 03. bis 17. Frebruar 2018 nach Marokko. 28 Leute aus Wismar und Umgebung waren mit von der Partie. Im marokkanischen Süden lernten wir Künstler, Aktivisten, Kulturschaffende und Menschen kennen, die uns empfingen wie alte Freunde. Wir sangen, musizierten, lauschten, diskutierten und staunten.

Am meisten staunte ich bei der Begegnung mit Menschen in einem Bergdorf bei Tanalt im Anti Atlas. Wie zufällig saßen wir in einem Raum, die Stühle alle wie ein Publikum nach vorn ausgerichtet. Nach Tee, Keksen und ein paar Ansprachen hieß es:

„Und nun könnt ihr euch unterhalten!“

Wir, die 28 Leute aus Deutschland, und etwa 30 Frauen und Mädchen aus dem Dorf und der näheren Umgebung mit weißen Tüchern vor den Gesichtern. Zunächst sagte niemand etwas. Nur „wir“ und „die“ tuschelten untereinander. Ein paar junge Frauen trauten sich schließlich, miteinander ins Gespräch zu kommen. Auf englisch und französisch kamen laute und fröhliche Unterhaltungen zustande. Wir trugen unseren „Übersetzern“ auf, bestimmte Fragen zu stellen und die marokkanischen Frauen nutzten dieselbe Strategie. Wir konnten einige Gemeinsamkeiten feststellen: Die Mädchen mochten Facebook und planten ihre Zukunft. Und doch gingen uns langsam die Möglichkeiten aus, miteinander zu kommunizieren. Jemand kam auf eine wunderbare Idee: Wir könnten Lieder austauschen! Die deutschen Frauen und Mädchen stimmten „Heo, Spann den Wagen an“ als Kanon an und spontan sangen die marokkanischen Frauen auch ein Lied für uns. Mit Sprache, Mimik und Gestik wussten wir an einem gewissen Punkt nicht mehr weiter. Aber das Singen und die Musik haben uns zusammengebracht. Und wirklich alle hatten daran ihre Freude!

Kurze Zeit nach dieser Begegnung besuchten wir das „Connect Institute“ in Agadir. Dort nahmen uns Jugendliche in Empfang, die dieses kostenlose Bildungsangebot gerne nutzen. Sie zeigten uns stolz das moderne, eurpäisch-amerikanische Institut. Bevor wir an diesem besonderen Ort unser Konzert gaben, kam ich mit zwei jungen Frauen ins Gespräch. Die Mädchen berichteten von der Diskussion um das Tragen von Kopftüchern in der islamisch geprägten Gesellschaft von Marokko. Arifa trägt kein Kopftuch. Deshalb hat sie manchmal Streit mit ihren Eltern, die sich wünschen, dass Arifa in der Öffentlichkeit ein Kopftuch trägt. Sie möchte es einfach nicht und setzt sich gegen ihre Eltern durch. Salamah trägt ein Kopftuch. Deshalb hat sie manchmal Streit mit ihren Eltern, die sich wünschen, sie würde kein Kopftuch tragen. Sie fühlt sich „more comfortable“ mit ihrem Kopftuch, es gibt ihr Sicherheit.

Die Begegnung mit diesen neugierigen, selbstbewussten und intelligenten jungen Frauen zeigte ganz deutlich: Jeder sollte frei sein in den Entscheidungen des eigenen Körpers, der eigenen Identität und der eigenen religiösen Praxis. Arifa und Salamah haben mir das innerhalb eines kurzen Gesprächs so deutlich vor Augen geführt, wie keine Begegnung zuvor.

Arifa und Salamah sind meine marokkanischen Heldinnen. Sie erlaubten mir einen echten Blick über den Tellerrand.